Auf ein Wort

Leitartikel von Helmut Peiniger
aus unserem Gemeindebrief März/April 2019



Passionszeit - damals und heute

Ich war dabei, als es sich wie ein Lauffeuer in Jerusalem verbreitete: Jesus, der Prophet aus Nazareth, der 5000 Menschen Brot in der Wüste gegeben hat, der Blinde sehend macht und Lahme gehend, der zieht vom Ölberg her durchs Kidron-Tal nach Jerusalem hinein. Ich rannte los und hörte schon von Weitem die Rufe seiner Anhänger: „Hosianna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in den Höhen!“ Als ich näher kam, sah ich einige Schriftgelehrte, die sich die Haare rauften und Jesus zuriefen: „Sag doch deinen Jüngern, dass sie damit aufhören sollen. Die Römer werden denken, dass es sich um einen Aufstand handelt, und wir alle werden darunter leiden müssen!“ Andere wiederum, die sich in den Heiligen Schriften auskannten, riefen: „Seht doch, er reitet auf einer jungen Eselin, wie es der Prophet Sacharja prophezeit hat: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin!“ Es war ein unbeschreiblicher Tumult. Die Menschen fingen an, ihre Oberkleider auf das Pflaster zu legen, und wenn der Prophet darüber geritten war, drückten sie die Gewänder an sich, als ob sie einen Teil des Messias erworben hätten. Andere kletterten auf die Dattelpalmen, rissen Zweige ab und schwenkten sie im Takt wie zu einer Melodie ... Ich war wie im Rausch, schrie, lachte und sang Psalmen von der Friedensherrschaft Gottes. Sollte ich wirklich Zeuge des anbrechenden Gottesreiches geworden sein? Als ich heimkam, sah ein Nachbar mich misstrauisch an und fragte besorgt: „Hast du zu lange in der Sonne gesessen oder zu viel Wein getrunken?“ Ich aber ging still ins Haus, noch immer ganz verwirrt, aber auch ein wenig euphorisch, von dem was ich erlebt hatte. Was würden die nächsten Tage wohl bringen?

Ich war dabei, als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete: Der Prophet, von dem viele gedacht hatten, er sei der Messias, ist von der Tempelwache festgenommen worden! Das konnte nicht sein! Sogleich machte ich mich auf den Weg. Unterwegs traf ich immer mehr Bekannte, die erzählten, dass dieser Jesus in den Tempel eingedrungen sei, die Tische der Geldwechsler und Händler für die Opfertiere umgestoßen und ein Zitat aus dem Propheten Jesaja gerufen habe: „Gott sagt: Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker, aber ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!“ Diese Aktion habe Priester und Schriftgelehrte in Aufruhr gebracht, weil eine größere Menge dabeistand und Beifall klatschte. Das konnte der Anfang vom Ende sein, wenn sich immer mehr diesem Aufstand anschließen würden! Inzwischen war ich mit vielen anderen vor dem Palast des Pilatus angekommen, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, dass die Tempelwache Jesus, der zunächst zu Herodes geführt worden war, nun von den Schriftgelehrten vor dem römischen Statthalter angeklagt werden sollte. Ich sah mich suchend um: Wo waren seine Jünger? Wo war die Menschenmenge, die ihm zugejubelt hatte? Stattdessen sah ich ihn auf dem Platz vor dem Haus des Pilatus bleich und gefesselt, und eine Reihe jüdischer Würdenträger als Ankläger hinter ihm. Ich sah mich um: Überall standen Leute aus dem Synedrium, der Gerichtsversammlung, die in allen Rechtsfragen das letzte Wort hatten, und redeten auf die Menge ein. Auch dicht neben mir stand einer, der nicht weit von mir wohnte und der mich gut kannte: „He du!“ rief er mir zu. „Du gehörst doch auch zu den Rechtgläubigen in Jerusalem. Auf deine Stimme kommt es jetzt an. Dieser Jesus hat dem Hohepriester gegenüber von sich behauptet, er sei Gottes Sohn. Das ist Gotteslästerung. Außerdem droht uns von den Römern die nächste Verfolgung wegen eines Aufstandes. Das wird ein Blutbad werden! Wir können doch auf dich zählen? Oder bist du auch einer von seinen Anhängern?“ Mir wurde angst und bange; neben mir ertönte zustimmendes Gemurmel: „Schau dir doch dies Häufchen Elend an, das da vor dem Palast des Pilatus steht: Das soll der Messias in all seiner Pracht sein?“ Und sie lachten roh. Aus einer anderen Ecke ertönten plötzlich Rufe, die immer mehr anschwollen: „Kreuzigt ihn! Kreuzigt ihn!“ Und plötzlich hörte ich mich schlotternd vor Angst ebenfalls rufen: „Kreuzigt ihn!“ Mein Nachbar nickte mir anerkennend zu; aber ich schlich davon. Ich konnte das Elend nicht länger mit ansehen und schämte mich in Grund und Boden. Wie konnte es sein, dass ich noch vor kurzem überwältigt von Glück gesungen und gerufen hatte: „Heil dem, der da kommt!“ und nun „Kreuzigt ihn“? War ich so abhängig von dem, was die Menschen um mich herum dachten? War ich so enttäuscht, dass der, den ich für den Messias gehalten hatte, so von Menschen gedemütigt werden konnte? Ich weinte vor Scham und Enttäuschung.

(Ein Jerusalemer, der anonym bleiben möchte.)

Mein Freund Judas war nicht wenig stolz darauf, dass Jesus ihn in seinen Jüngerkreis berufen hatte. Er war durchaus der Meinung, dass er eine besondere Vertrauensstellung innehatte, weil er die Kasse verwaltete. Eigentlich war diese wandernde Jüngergruppe vom Prinzip der Armut beseelt. Sie sollten nichts besitzen, was Motten und Rost zerfressen konnte, und lebten von der Hand in den Mund – oder wie man auch denken konnte: von der Güte Gottes. Sicherlich auch von den Zuwendungen einiger reicher Frauen und der Menschen, die Jesu Reden über das Reich Gottes so interessant fanden, dass sie ihn und die Jüngerschar einluden. So kam es doch gelegentlich vor, dass die Gruppe um Jesus Almosen bekam und diese in einer Gemeinschaftskasse verwalteten. Das, was Jesus vorausgesehen hatte, passierte dann auch, dass nämlich Judas Verdächtigungen ausgesetzt war, er hätte sich selbst aus der Kasse bedient; aber das halte ich – so wie ich meinen Freund Judas kannte – für ein böswilliges Gerücht. Es gingen nämlich auch Gerüchte um, dass er zu den Sikariern, den Dolchmännern, gehörte, die einen bewaffneten Befreiungskampf gegen die Römer planten. Wir haben – zugegebenermaßen, wenn Jesus gerade nicht in der Nähe war – öfter darüber diskutiert, ob das Reich Gottes mit dem Zentrum in Jerusalem wirklich ganz ohne Waffengewalt zu erreichen wäre. Manchmal ist uns der gewaltlose Widerstand, für den Jesus bedingungslos eintrat, regelrecht auf die Nerven gegangen, besonders wenn wieder eine der zahllosen Gräueltaten der römischen Besatzungsmacht bekannt wurde. Dass wir dem, der uns schlägt, auch noch die andere Wange hinhalten sollten oder dem, der uns vor Gericht zerrt, um unseren Rock als Bezahlung zu erhalten, auch noch den Mantel geben sollten, hat bei uns nicht nur Kopfschütteln, sondern manchmal auch regelrechten Zorn hervorgerufen. Zu schwer erschien uns die Forderung, die Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns verfluchten. Da hätten wir doch lieber dreingeschlagen, um den Missetätern ein für alle Mal das Maul zu stopfen. Wenn Jesus dann doch einmal von unseren Waffengelüsten und dem bewaffneten Widerstand erfuhr, den wir so gerne ausprobiert hätten, sagte er nur milde lächelnd: „Kinder, meint ihr nicht auch, dass ich meinen Vater bitten könnte, und er mir mehr als zwölf Legionen Engel schicken würde?“ Auch wenn er das so sagte, als ob er diese Bitte niemals aussprechen würde, so haben wir uns doch an dieser Idee heimlich berauscht. Was stellte ein Engel für ein Kraftpaket dar? Und dann erst mehr als zwölf Legionen! Sie würden die Römer mit Leichtigkeit vor sich hertreiben und sie in kürzester Zeit ins Meer jagen. Ich gestehe, dass ich davon mehr als einmal geträumt habe, und dass es Judas ganz ähnlich ging. Ich glaube sogar, dass er des Öfteren solchen Gedanken nachhing, aber er war auch sehr verschlossen, so dass ich nur ahnte, was ihn beschäftigte. Einmal jedoch hätte er mich fast ins Vertrauen gezogen. Er lachte leise in sich hinein und meinte: „Was hältst du davon, wenn ich den Schriftgelehrten anbieten würde, für 30 Silberlinge Jesu Aufenthaltsort zu verraten, an dem sie ihn gefangen nehmen könnten? Wenn sie dann die Tempelwache mit Stöcken und Spießen losschicken würden, dann könnte Jesus gar nicht anders, als die erste Legion Engel in Bewegung zu setzen. Zwei Erfolge für uns auf einen Streich: Wie würde die Tempelwache blamiert dastehen, und wir könnten endlich den Beginn der Gottesherrschaft hier in Jerusalem erleben.“ Ich hatte Bedenken und erwiderte: „Was passiert, wenn es schiefgeht und Jesus wirklich seine Feinde liebt und sich nicht gewaltsam durchsetzt?“ Aber Judas schüttelte nur den Kopf: „Mein Plan ist narrensicher. Jesus war immer der Beginn der Gottesherrschaft wichtig. Hat er nicht sogar gesagt: ‚Seht euch um: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch?‘ Ich will dir noch etwas sagen: Ich werde die Gottesherrschaft mit dem Zeichen der Liebe, mit einem Kuss eröffnen. Dieser Kuss wird in die Geschichte des Volkes Israel eingehen als das Startsignal für das Reich des Messias.“ Judas hat mir gegenüber und wohl auch zu niemand anderem mehr darüber gesprochen. An dem Abend, als wir mit Jesus zum Passamahl zusammen waren, lief es mir kalt den Rücken herunter, als er sagte: „Einer von euch wird mich verraten.“ Wir hatten alle Angst vor dem, was passieren könnte, wenn wir nach Jerusalem hineingingen und jeder von uns fragte: „Bin ich´s?“ In der Tat sind wir alle in der Nacht der Festnahme geflohen. Jeder hat ihn auf seine Weise verraten. An jenem Abend tauchte Judas einen Bissen zusammen mit Jesus in die Schüssel und er sagte zu ihm: „Was du tun musst, tue schnell.“ Da sah ich ein Leuchten über Judas´ Gesicht gehen: Er dachte, dass Jesus mit seinem genialen Plan einverstanden sei, und verschwand kurz darauf in der Dunkelheit, um ihn zu verwirklichen. Noch immer sehe ich seine schreckgeweiteten Augen, als Jesus festgenommen wurde, und ich sehe seine Lippen murmeln: „Nun lass doch endlich deine Legionen aufmarschieren!“ Als Jesus abgeführt wurde, vernahm ich Judas´ hemmungsloses Schluchzen …

(Ein Freund des Judas aus dem Jüngerkreis, der alles mit ansehen musste.)

Zweimal krähte der Hahn … Besonders eng war ich mit Petrus befreundet. Er war ein Mensch, der Höhen und Tiefen besonders intensiv empfand. Er sagte, was er dachte, während wir noch überlegten, wie Jesus dies und jenes wohl gemeint haben könnte. Er war der Erste, der es wagte auszusprechen, was wir alle hofften: „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes!“ – ein Satz, der mit Sicherheit eine Anklage wegen Gotteslästerung zur Folge gehabt hätte, wenn ihn die Schriftgelehrten gehört hätten. Nur logisch, dass wir uns insgeheim freuten, und schon an den einen oder anderen verantwortungsvollen Posten dachten, den wir als die engsten Vertrauten doch sicher in der neuen Gottesherrschaft in all ihrem Glanz und in ihrer Herrlichkeit übernehmen würden. Da konnte es schon passieren, dass wir miteinander überlegten, wer denn wohl den meisten Einfluss haben würde. Uns war klar, dass sicher Petrus an erster Stelle stehen könnte. Aber wer kam dann? Und mitten hinein in unsere Träume sagte Jesus, dass er sein Leben als Lösegeld für viele geben wolle. „Oh, nur das nicht!“, dachten wir alle und, als ob er unsere Gedanken gelesen hätte, fuhr Jesus fort: „Ihr alle werdet noch in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen!“ Und wieder war es Petrus, der aussprach, was wir alle im Kopf hatten: „Auch wenn alle deine Anhänger dich verlassen, ich werde dich niemals verleugnen!“ Wir alle murmelten zustimmend, dass wir genauso dachten. Da sagte Jesus diesen prophetischen Satz, von dem wir fühlten, dass er uns allen galt, obwohl er an Petrus gerichtet war: „Noch ehe der Hahn zweimal gekräht hat, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Was dann geschah, hat mir Petrus viel später erzählt, als ich selbst unter dem Druck der Verfolgung der jungen Christengemeinde vor dem Synedrium in einem Verhör diesen verhängnisvollen Satz sagte: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ Ich war, als ich bald darauf freigelassen wurde, über diesen Verrat völlig verzweifelt, so dass ich mir sogar das Leben nehmen wollte. Petrus aber sagte in seiner verständnisvollen Art: „Damals ist es mir genauso gegangen. Ich war überzeugt davon, dass ich auch mit einem Schwert das Leben Jesu verteidigen, und dass mir der Himmel übermenschliche Kräfte verleihen würde, um den Gottessohn zu schützen. Aber dann, als ich allen Mut zusammengenommen hatte, um in den Vorhof des hohepriesterlichen Hauses zu gelangen und zu erfahren, wie es mit Jesus weiterging, passierte die Katastrophe: Einige von denen, die sich dort am Feuer wärmten, hatten mich erkannt und gerufen: „Du bist doch auch einer von denen!“ Da habe ich solche Angst gehabt, dass ich schwor: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ Im selben Moment krähte dieser vermaledeite Hahn, und ich rannte davon. „Und?“ fragte ich, „wie kann man ein solches Versagen wieder gut machen? Was muss ich tun, um diese Schmach von mir abzuwaschen?“ „Nichts“, antwortete Petrus zu meiner Verblüffung. Und als ich ihn zweifelnd ansah, fuhr er fort: „Als ich Jesus nach seiner Auferstehung wiedertraf, ihm von meiner Verzweiflung über dieses fürchterliche Versagen erzählen und ihn nach der Buße fragen und überhaupt wissen wollte, ob er mir jemals verzeihen könne, da stellte er mir eine Frage, die so unerwartet kam, dass ich zunächst nichts damit anfangen konnte: „Hast du mich lieb?“ Und als ich es bejahte, stellte er mir die Frage noch zweimal: genauso oft, wie ich ihn verleugnet hatte. Da begriff ich, dass ich nicht mehr auf mein Verschulden sehen sollte, sondern auf meine Liebe zu ihm, und meine unendliche Dankbarkeit zum Ausdruck vor Gott und den Menschen bringen sollte. Das ist die himmlische Währung, in der wir ihm etwas wiedergeben können. Bei Menschen kann es sinnvoll sein, eine Wiedergutmachung anzustreben, bei Gott ist es die Gabe unserer Liebe.

(Ein Freund, der Petrus lange begleitete.)

Wo stehen wir, wo stehe ich in der Passionszeit 2019? Gehöre ich zu denen, die einfach mitjubeln oder mitverdammen, je nachdem, wie sich gerade meine (christliche) Umgebung verhält? Bin ich enttäuscht angesichts der Ungerechtigkeit, der Fake-News, der Drohgebärden der Mächtigen dieser Welt und wünschte mir, dass endlich Legionen von Engeln aufträten, um dem Spuk ein Ende zu bereiten? Bin ich angesichts von Krankheit, Erfolglosigkeit oder Tod so deprimiert, dass ich mich frage, wo aus der Legion von Engeln denn nun mein Schutzengel geblieben ist? Bin ich deprimiert über manche Verleugnung meines Herrn, die mir aus Gedankenlosigkeit oder Angst unterlief?

Oder freue ich mich über den Gottessohn, der die Unzulänglichkeit menschlicher Beziehungen im engsten Freundeskreis am eigenen Leib verspürte, der trotzdem nicht zur Gewalt griff, sondern an meiner Seite bleibt, wenn ich versage? Der mich nicht mit drohendem Finger in die Schranken weist, sondern fragt: „Hast du mich lieb?“ Der mir zusichert: „So wie ich durch den Tod hindurchgegangen bin, wirst auch du durch alle Ängste gehen, den Tod überwinden, und mit mir in das Reich der Liebe Gottes eingehen.“

Das verleiht uns die Kraft, mutig unsere Meinung zum Weltgeschehen zu vertreten, sanft und bestimmt für die Wahrheit zu kämpfen, ohne die Keule zu schwingen.

Das beflügelt uns, Wunden zu schließen und nicht zu vertiefen.

Das belebt unsere Suche nach Frieden und beschenkt uns mit dem Segen Gottes für unser Leben.