Auf ein Wort

(Leitartikel aus unserem Gemeindebrief Mai/Juni 2018)

Der Mai ist einer der Lieblings-Monate der Deutschen, schließlich reihen sich hier die Feiertage aneinander. Nachdem wir gerade erst Ostern gefeiert haben, stehen uns im Mai, neben dem Tag der Arbeit auch Himmelfahrt und Pfingsten bevor, die unter geschicktem Einsatz einiger weniger Urlaubstage zu viel Freizeit beitragen können.

Die Freizeit und die langen Wochenenden, die wir auf diese Weise gewinnen, sind natürlich ein netter Nebeneffekt dieser Feiertage; dabei sollten wir allerdings nicht außer Acht lassen, dass es sich um Tage handelt, die an wichtige Begebenheiten und Ereignisse erinnern, die für das Christentum, und damit für uns, von großer Bedeutung sind, weil sie das Ostergeschehen weiterführen und seine Reichweite ausdehnen.

Viele Menschen in unserem Umfeld können insbesondere mit Pfingsten wenig anfangen; das Pfingstgeschehen ist ihnen vielleicht zu abstrakt, zu wenig greifbar und der Heilige Geist eine gewisse Macht, zu der sie keinen Bezug haben.

Vollkommen verwunderlich ist dies sicher nicht, wenn man bedenkt, was sich an Pfingsten in Jerusalem tatsächlich ereignet hat: Die verängstigten Jünger schließen sich ein, um eventuellen Strafen und Sanktionen zu entgehen. Sie fürchten sich davor das Haus zu verlassen und sich auf den Straßen blicken zu lassen, weil sie damit rechnen müssen, dass ihnen ein ähnliches Schicksal wie Jesus blüht. Und in dieser beängstigenden Situation passiert plötzlich etwas Unvorstellbares. Die Jünger werden mit einer Kraft befüllt, mit einer Kraft ausgerüstet, die sie befähigt hinaus zu gehen auf die Straße, an den Ort, der ihnen bisher so große Angst gemacht hat, und den sie bis dahin freiwillig nicht aufgesucht hätten. Und plötzlich haben sie die Kraft und Vollmacht vom Leben und Sterben Christi zu berichten und den Menschen, vor denen sie sich noch vor wenigen Stunden gefürchtet hatten, das Evangelium zu predigen! Mit diesem einen mutigen Schritt der Jünger nach draußen beginnt sozusagen die Geschichte des Christentums, der christlichen Kirche. Ohne diese eine Begebenheit hätte sich die Welt mit Sicherheit vollkommen anders entwickelt. Das Ausgießen des Heiligen Geistes an Pfingsten ist der Startschuss der Kirche. Und die Kirche ist ein Ort, an dem der Heilige Geist wirken kann; der Geist Gottes und die Kirche bzw. Gemeinde sind nicht voneinander zu trennen. Gemeinde lässt sich ohne den Heiligen Geist nicht denken, ist er doch Impulsgeber und Kraftquelle.

„Wer sich von seiner eigenen Natur bestimmen lässt, dessen Leben ist auf das ausgerichtet, was die Natur will; wer sich vom Geist Gottes bestimmen lässt, ist auf das ausgerichtet, was der Geist will. Was der Geist will, bringt Leben und Frieden, aber was die menschliche Natur will, bringt den Tod.“  (Römer 8, 5-6)

Der Heilige Geist, der Geist Gottes, ist ohne Frage Impulsgeber und Kraftquelle. Aber ebenso wie sich weder Gott, der Schöpfer, noch Jesus ungefragt in unser Leben drängt, wirkt auch der Heilige Geist nicht dort, wo er nicht willkommen ist. Es braucht die Entscheidung, ein bewusstes „Sich-einlassen“, eben ein „Sich-ausrichten auf“, seitens des Menschen und seitens der Gemeinde. Nur so kann der Geist Gottes das Leben des Einzelnen und das Leben der Gemeinde bestimmen.
Und erst dann kann sich die Kraft des Geistes wirklich entfalten; erst so wird sichtbar, was durch den Geist möglich ist.

Und obwohl Gemeinde ohne den Heiligen Geist nicht funktionieren kann, ist der Geist Gottes keine Kraft, die sich nur nach innen richtet und sich nur auf die Gemeinde bezieht. Selbstverständlich ist er Ermutiger und Kompass im Gemeindeleben, aber das ist bei weitem nicht alles, was er vermag.

So wie damals in Jerusalem, wenige Tage, nachdem Jesus Christus in den Himmel aufgefahren war, ist der Heilige Geist im Hier und Jetzt eine Kraft, die nach draußen treibt, in die bevölkerten Straßen der Stadt und auf die vollen Marktplätze, auch wenn es furchteinflößende Orte sind. Mit dem Heiligen Geist hat das Verstecken ein Ende. Das Leben und der Frieden, von denen im Römerbrief die Rede ist, müssen unter die Leute, damit sie für die Menschen zugänglich werden. Und das geschieht nicht, indem wir darauf warten, dass die „verlorenen“ Seelen endlich in unserem Gottesdienst auftauchen. Das geschieht vielmehr, indem wir uns hinauswagen aus den sicheren Mauern des Gemeindehauses, dorthin, wo die Menschen leben.

Und hat man diesen Schritt gewagt, wie es bei Petrus und seinen Mitstreitern der Fall war, hat man sich schließlich hinausgetraut und sich dorthin begeben, wo die Menschen tatsächlich zu finden sind. Dann kann es durchaus sein, dass es notwendig ist, die Menschen in ihrer eigenen Sprache anzusprechen, damit sie das Gesagte, die Botschaft vom Frieden und Leben, verstehen, nachvollziehen und annehmen können.

Und was in einer solchen Situation möglich wird, lehrt uns wieder die Pfingstgeschichte: Der Heilige Geist ist ein großartiger Übersetzer!


Agathe Dziuk