Auf ein Wort

Leitartikel aus unserem aktuellen Gemeindebrief


Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! (Jesaja 58, 7)


 „Na, dann wollen wir doch mal den Lackmustest machen.“ Diese Redewendung kennen wir alle. Ursprünglich kommt sie aus der Chemie. Mithilfe des Farbstoffs Lackmus wird der pH-Wert einer Substanz geprüft und festgestellt. Aus der Chemie hat der Lackmustest seinen Weg in unsere Alltagssprache gefunden.

Wir benutzen diese Redewendung als Bildwort, wenn wir prüfen wollen, ob z.B. ein politisches Versprechen verlässlich ist und auch unter schwierigen Umständen (durch-) gehalten wird. Eine Krise oder besondere Herausforderung kann es schwer machen, ein Wahlversprechen zu halten. Die besondere Situation wird dann zum Lackmustest, zum Prüfstein, zum Echtheitserweis (oder Unechtheitserweis) einer Aussage.

Dann zeigt sich, ob ein Versprechen nur eine Absichtserklärung war oder ob sich ein Mensch verpflichtet fühlt und weiß, zu seinen Worten zu stehen. Dann zeigt sich, ob äußerer Anschein und tatsächliches Verhalten übereinstimmen.

Der äußere Anschein, den ein Mensch sich gibt, kann täuschen.

Das durchblicken wir Menschen nicht immer, denn unser Blick bleibt meist auf das Äußere beschränkt. Wir können einander immer nur „vor die Stirn“ sehen und erkennen den Unterschied von äußerem Schein und tatsächlichem Verhalten selbst im eigenen Leben nicht immer.

Gott blickt tiefer. Gott sei Dank!

Den Heimkehrern aus der babylonischen Gefangenschaft attestiert Gott durch seinen Propheten ein reiches geistliches Leben. Gott bescheinigt den Gläubigen, dass sie ihn täglich suchen und seine Pläne für ihr Leben erkennen möchten. Sie erwarten von Gott, dass er ihnen Recht verschafft und ihnen nahe ist. Sie fasten, um sich ganz auf das Gebet konzentrieren zu können. Vorbildlich und beeindruckend, was sie tun!

Alles in bester Ordnung – so könnten wir denken.

Doch Gott macht den Lackmustest und stellt fest: Da stimmen äußerer Schein und tatsächliches Verhalten nicht überein. Das Volk fastet zwar, schert sich aber keinen Deut um Gottes Ordnungen. Den Ruhetag halten sie nicht ein, damit sie bloß keine geschäftlichen Verluste einfahren. Die Arbeiter, die von ihnen abhängig sind, behandeln sie ungerecht und beuten sie aus. Äußerlich führen sie ein konsequentes religiöses Leben, aber tatsächlich leben sie untereinander in Zank und Streit mit ihrem Nächsten.

An einem derartigen Fasten, an einer Frömmigkeit, die mehr ein frommes Theater ist, hat Gott kein Interesse. Das gefällt ihm nicht.

Gott sagt seinem Volk aber auch, was ihm gefällt: Einander freilassen und den anderen nicht mehr bedrücken und einengen. Vergeben, d.h. die alten Vorwürfe sein lassen, und es dem Nächsten ermöglichen, dass er sich wieder aufrichten und aufatmen kann.

Das gipfelt in den ganz praktischen Worten, wie wir sie im Monatsspruch für den Dezember 2020 finden:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! (Jesaja 58, 7)

Da wird’s praktisch!

Am Umgang mit den anderen Menschen zeigt sich, wie echt oder unecht alles geistliche Leben, alles Christ- und Frommsein wirklich ist. Das ist der Lackmustest! Denn das geistliche Leben, das Leben mit Gott, drängt immer auf das konkret Leibliche. Das gilt im tatsächlichen wie im übertragenen Sinne. Dem Hungrigen dein Brot brechen, das wird konkret, wenn wir gerade in dieser Zeit von der Hoffnung sprechen, die allen Lebenshunger (und auch -angst) stillt, die Jesus Christus uns gibt und die er in Person für uns ist. Die im Elend ohne Obdach sind, ins Haus führen, das wird konkret, wo wir bezeugen, dass es ein Obdach der Seele gibt. Nackte werden bekleidet, wenn wir Menschen ohne Ansehen der Person mit Respekt und Würde begegnen. Ich habe bewusst diese übertragenen Bilder gewählt, denn praktisch-leibliche Möglichkeiten gibt es auf Schritt und Tritt.

Wo wir diese Möglichkeiten nutzen, erfahren wir, dass wir darin unserem Herrn selbst begegnen, der sich auf die Seite der Hungrigen, der Obdachlosen und nackten Menschen stellt, und der dies bereits bei seiner Geburt im geliehenen „Kinderbett“, auf seiner Flucht nach Ägypten und in seiner schwersten Stunde, als um sein Gewand gewürfelt wurde, gezeigt hat.

Der Lackmustest Gottes will uns dahin bringen, dass die Chemie auch zwischen uns Menschen stimmt.

Michael Oberländer