Datum 19.03.2017
Thema Es geht um's ganze Leben
Von Michael Oberländer
Textstelle Markus 12, 41-44
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Liebe Gemeinde,

in meiner Jugend habe ich eine Zeit lang an Wochenenden gekellnert.

So konnte ich mir etwas nebenher verdienen und das Trinkgeld konnte ich auch gut gebrauchen. Einmal fand in dem Lokal, in dem ich arbeitete, eine türkische Hochzeit statt. Na, da war was los.

Die eintreffenden Verwandten des Brautpaares stellten sich in einer langen Reihe hintereinander auf. Dann wurde das Brautpaar beschenkt.

Wer an der Reihe war, hielt meistens ein ganzes Bündel Geldscheine hoch oder eine goldene Kette und legte diese dann in einen Korb.

So konnte man genau sehen, wer wie viel gab.

Da wurde gejohlt und geklatscht und das Brautpaar war hin und weg.

Unser Bibelwort für heute schildert eine ganz ähnliche Szene. Allerdings ohne Brautpaar.

Sie spielt im Tempel zu Jerusalem und dort im Vorhof der Frauen.

In diesem Teil des Tempels standen 13 posaunenförmige Geldbehälter.

Heute würden wir sie Opferstöcke oder Spendenboxen nennen.

In ihnen wurden die gesetzlichen und die freiwilligen Abgaben eingelegt.

Dort stand ein Priester, nahm die Abgaben entgegen, ließ sich erklären, wofür sie gedacht waren, prüfte, ob das Geld echt war und ließ es dann in den entsprechenden Behälter werfen.

Bei besonders hohen Abgaben wurde in die Posaune geblasen.

Dann wurden der Name des Spenders und die Höhe der Spende ausposaunt. (vgl. Matthäus 6,2). Fast wie bei einer Benefizgala zur Weihnachtszeit.

Aber es konnte dort auch viel diskreter und unscheinbarer zugehen.

So beschreibt es Gottes Wort für diesen dritten Sonntag der Passionszeit.

Es geht aber nicht um große Summen. Nach heutiger Währung ist gerade mal ein halber Cent das Thema.

è Text lesen

Irgendwie ist diese Szene doch irritierend.

Passt sie zu dem Bild von Jesus, das uns vertraut ist?

Viele Szenen und Bilder aus dem Neuen Testament sind uns bekannt und lieb. Jesus, wie er dort zu finden ist, wo sich das Elend am schlimmsten breitgemacht hat.

Bei einer Witwe, die ihren einzigen Sohn verloren hatte. (s. Lukas 7,11ff)

Am Teich Bethesda, wo ein kranker Mann 38 Jahre lang hilflos lag. (s. Johannes 5,2ff)

Bei dem Zöllner Zachäus, der auf hohem Niveau ein ganz armer Kerl war und plötzlich unter dem Blick Jesu wirklich zu leben beginnt. (s. Lukas 19,1ff)

In allen diesen Szenen ist das Evangelium, die gute Nachricht von der Liebe Gottes, mit Händen zu greifen.

Jede dieser Geschichten tut richtig gut.

Aber was soll jetzt und heute dieses Predigtwort?

Jesus, der Heiland der Welt, sitzt am Opferstock und sieht zu, wer wie viel dort einlegt.

Dafür nimmt er sich Zeit? Da sieht er zu? Da belehrt er seine Jünger?

Was hat das denn noch mit dem Evangelium zu tun?

Man stelle sich nur einmal vor, das würden wir gleich bei der Kollekte auch so machen.

Dass uns jemand genau auf die Finger sieht, wie viel wir denn da einlegen.

Zu Recht würden wir uns wehren.

Diese Begebenheit vom „Scherflein der Witwe“ kann so schrecklich missverstanden werden. So, als ob es darum ginge, dass man Geld gibt.

Nehmt euch ein Beispiel an der armen Witwe, von dem Bisschen, das sie hatte, hat sie auch noch alles abgegeben: Macht es genauso.

Und an die Adresse der Vermögenden und Wohlhabenden:

Viel von viel ist nicht viel, wenn es einem nicht viel bedeutet.

Und gleich bekommt man dort, wo das Portemonnaie oder die Brieftasche sitzt, so ein heißes Gefühl, so ein unangenehmes Jucken.

Hier wird aber NICHT der moralische Zeigefinger erhoben.

Hier wird auch nicht nach dem Portemonnaie geschielt.

Allerdings muss man hier ein bisschen nach dem Evangelium suchen und wird dabei überreich fündig.

An der Witwe führt Jesus uns vor Augen:

Es geht ums ganze Leben,…..

….so wird eine Vergessene zum Vorbild,…

Es ist eine ganz besondere Zeit, in der diese kleine Begebenheit im Tempel spielt.

Die Zeit, in der Jesus öffentlich wirkt, geht bald zu Ende.

Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten. (s. Markus 10,32ff).

Das bevorstehende Leiden hängt, von den Jüngern noch gar nicht verstanden, ganz bedrohlich in der Luft.

Die Geschichte vom Scherflein der Witwe ist der letzte Bericht vom öffentlichen Wirken Jesu.

Danach kommt nur noch die Endzeitrede.

Dann geht es Schritt für Schritt in die Passion, das Leiden und Sterben.

Man sollte doch erwarten, dass Jesus jetzt noch einmal so richtig ein öffentliches Statement abgibt.

Stattdessen gibt es kein eindrückliches Wunder.

Er diskutiert auch nicht mit den Gelehrten über theologische Fragen.

Er hat eine unbekannte arme Witwe im Blick.

Sie wird zum Vorbild, zur Ermutigung zum Glauben.

Jesus gibt hier keine konkrete Weisung.

Trotzdem ist doch klar:

Das Bild und das Handeln dieser Frau will er seinen Jüngern einprägen.

Damit wiederholt sich etwas, was wir immer wieder in den Evangelien entdecken.

Jesus hat sich immer wieder den Menschen in der letzten Reihe zugewandt: den Blinden und Aussätzigen und Verlierern seiner Zeit.

Selbst ganz am Schluss noch einem Verbrecher, den man auf Augenhöhe mit ihm gekreuzigt hatte.

Wir kennen ihn als den „Schächer am Kreuz“.

Er konnte nichts mehr gutmachen; er konnte sich bei niemand mehr entschuldigen.

Aber Jesus ist für ihn da.

Seit ihrem kurzen Gespräch am Kreuz ist dieser Verbrecher der stärkste Beleg dafür worum es Jesus geht:

Vergessene, Ausgestoßene, Verachtete, Menschen aus der letzten Reihe bekommen bei ihm ihre Würde zurück.

Sie werden zum Vorbild des Glaubens.

So wie die Witwe in dieser Geschichte.

Wir kennen ihren Namen nicht; wir wissen nicht, wie ihr Weg weiterging.

Aber weil Jesus sie sieht und von ihr spricht, bleibt sie unvergessen.

Was für ein Evangelium, gute Nachricht, doch in diesen wenigen Versen steckt.

Wie oft haben schon manche von uns gedacht: was habe ich schon zu geben?

Sie haben sich und ihre Möglichkeiten angesehen und waren sehr ernüchtert. Was habe ich denn schon zu geben?

Das ist doch gar nicht der Rede wert!

Manch eine und manch einer kann eben nicht so reden wie ein anderer, wird vor Aufregung vielleicht stumm, wenn er etwas sagen soll, oder kann das einfach nicht: in der Gemeinde laut beten z.B.

Ihr oder ihm fehlen die Worte, wenn sie die Nachbarn zum Gottesdienst einladen wollen.

Es gibt so viele, die sehen bei sich selbst viele Defizite.

Ja, und?

Du kannst vielleicht nicht gut reden, aber deine selbstverständliche Freundlichkeit hat schon manches Herz berührt.

Der in der Gemeinde nicht laut beten kann, ist aber womöglich einer, der zu Hause treu Tag für Tag Menschen, die ihm anvertraut sind, vor Gott bringt.

Der nicht richtig weiß, wie er seine Nachbarn zum Gottesdienst einladen soll, hat aber schon hin und wieder einen Kuchen für sie gebacken oder hat eingekauft, als die kranke Nachbarin nicht aus dem Haus gehen konnte.

Die Geschichte von der unbekannten armen Witwe soll uns ermutigen:

Jesus hat dich im Blick.

Ganz gleich, wie klein dir dein Beitrag erscheint; er wird wahrgenommen.

Cae Gauntt hat dazu ein ermutigendes Lied gesungen:

Du bist leer, hast alles gegeben - gabst deine Kraft, deine Zeit.
Doch man gab dir noch nicht einmal Dankbarkeit.
Du bist leer - gabst ohne Lohn, ohne Pfand.
Nun stehst du da, bist müde und ausgebrannt.

Es geht nichts verloren, wenn sich Liebe so verschenkt,
es geht nichts verloren.
Was du tust um Gottes Willen, davon geht nichts verloren.

Denk an dich, so sagen die Freunde, du gibst zu viel von dir her,
sie werden sehen, Gott lässt deine Hände nicht leer.
Denk an ihn, er lässt dir sagen, dass du ihm vor Augen bist
und dass er deine Liebe nie vergisst.
Es geht nichts verloren ....

Es geht ums ganze Leben,…..

…..deshalb gehört das Opfer zum Gottesdienst,…

Die kleine Szene, die uns der Evangelist Markus erzählt, hat eine lange Vorgeschichte und eine tiefe Begründung.

Schon Abraham, der Stammvater Israels, begann damit, an wichtigen Punkten seines Weges einen Altar zu bauen und dort ein Tieropfer darzubringen.

Er dankte damit Gott, dass er ihn begleitet und auf dem Weg bewahrt hatte.

Das beste Tier war dafür gerade gut genug.

Die Stiftshütte und später der Tempel wurden danach zu Orten für Gottesdienst und Opfer.

Im 4. Buch Mose bekommt das Volk genaue Anweisungen, wie das Opfern zu geschehen hatte.

Ein besonderer Höhepunkt ereignete sich dabei einmal im Jahr.

Wenn der Hohepriester ins Allheiligste im Tempel ging – mit Blut, um das Sühnopfer für das ganze Volk darzubringen.

Neben das Sühnopfer trat das Dankopfer für Gottes vielfältige Gaben.

Ebenso gab es Gottesdienste und Opfer in besonderen Situationen – z. B. bei Bedrohung von außen oder wenn die Ernte in Gefahr war.

Und immer gehörte das Opfer dazu – zur Sühne oder als Zeichen des Dankes.

So wie die zwei Münzen der Witwe.

Das Evangelium befreit uns von solchen Formalien.

Weil Jesus gekommen ist, hat sich das grundlegend verändert.

Er stellt sich gleich am Anfang des Markusevangeliums als der vor, in dem …die Zeit erfüllt und das Reich Gottes herbeigekommen ist. (Mk 1,15).

Wir müssen nichts mehr opfern, um Gott gnädig zu stimmen. Jesus hat ein für alle Mal das Opfer dargebracht.

Aber was blieb bis heute – nicht als unwichtige Erinnerung, sondern in der Mitte neu gefüllt: Auch die Gemeinde des Auferstandenen opfert – nicht um Gott zu versühnen, sondern als Dank und um zu zeigen: wir gehören dazu.

Deshalb ist klar: Zu jedem Gottesdienst gehört eine Opfersammlung.

Natürlich sind die Opfer in unseren Gottesdiensten auch wichtig für die Finanzierung der Gemeindearbeit bzw. damit wir als Gemeinde anderen Menschen helfen können.

Aber diese »äußere Seite« darf nicht die Mitte verdecken, um die es geht: Wir danken Gott. Wir staunen über seine unbegreifliche Barmherzigkeit.

Und wer sich darüber im Klaren ist, dass er von Gottes Gaben lebt, der öffnet auch seine Hand.

Doch der eigentliche Punkt ist ein anderer. Es geht nicht darum, nur etwas von uns wegzugeben.

Es geht ums ganze Leben,…..

….. darum ruft uns Jesus zum ganzen Vertrauen!

Mit dem Gedanken, dass nichts verlorengeht, dass Opfer zum Gottesdienst dazu gehört, sind wir noch nicht beim Kern unserer kleinen Geschichte angekommen.

Jesus, der alle Situationen und Menschen durchschaut, sieht es:

Diese Witwe hat mehr als alle anderen eingelegt – nicht in Zahlen gerechnet, aber sie warf alles in den Opferstock, was sie hatte. Nichts hielt sie zurück.

In dieser kleinen Geste gab sie sich und ihr Leben ganz an Gott hin.

Das war auch der Grund, weshalb Jesus die Jünger herbeirief – nicht weil sie eine Witwe war, nicht wegen den zwei Münzen, sondern wegen ihrer umfassenden Hingabe.

Wie gesagt: Unsere kleine Geschichte steht am Ende der öffentlichen Wirksamkeit Jesu. Es folgt noch ein wenig Jüngerunterweisung.

Doch schon bald wird der Kreis um Jesus enger.

Auf die Gefangennahme folgen die Verhöre, die Folterung und schließlich das Kreuz.

Er hat sich selbst ganz und gar hingegeben.

Nichts hat er zurückgehalten.

Vor seinem eigenen Weg zeigt er an der Witwe, was ihm im Blick auf die Menschen in seiner Nähe wichtig ist.

An dem heutigen Sonntag in der Passionszeit geht es in allen Texten um diesen zentralen Aspekt der biblischen Botschaft.

Auch der Wochenspruch spricht davon: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,62).

Jesus möchte nicht einen Teil unseres Lebens.

Er, der sich ganz und gar für uns dahingegeben hat, zielt auf unser Herz.

Er will das Vorzeichen für alle Bereiche unseres Lebens sein – unser Geld, unsere Familie, unsere Arbeit, unsere Freizeit …

Keiner von uns wird vermutlich all sein Geld, sein Vermögen und alles, was er hat, ganz konkret wegzugeben haben. Natürlich hat es in der Geschichte der Christenheit immer wieder einmal einzelne Personen gegeben, die solch einen radikalen Schnitt vollzogen haben.

Franz von Assisi, der reiche Kaufmannssohn, der alles weggab, damals im 11. Jahrhundert.

Aber die Witwe erinnert uns heute auf jeden Fall an das Vorzeichen, das unser Leben prägen will:

Jesus Christus hat durch sein Leiden und Sterben alles für uns getan.

Deshalb zielt er auf unser Herz. Er will, dass wir ihm ganz gehören.

Und gerade so macht er unser Leben reich und weit. Denn:

Es geht ums ganze Leben,…..

….so wird eine Vergessene zum Vorbild,…

…..deshalb gehört das Opfer zum Gottesdienst,…

….. darum ruft uns Jesus zum ganzen Vertrauen! Amen