Datum 26.02.2017
Thema Maria und Martha. Gib dein Bestes und wähle das Gute.
Von Michael Oberländer
Textstelle Lukas 10, 38 - 42
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Liebe Gemeinde,

Es ist schon ein Kreuz mit solchen Bibeltexten.

Besonders, wenn sie vorgeschlagen sind und ich es mir zunächst einmal zur Pflicht gemacht habe, mich ihnen zu stellen.

Wir kennen sie, haben vielleicht schon eine Menge Predigten über diesen Text gehört.

Da scheint schon klar zu sein, was kommt: Mach nicht so viel Stress wie Martha, mach’s wie Maria und setz dich zu den Füßen Jesu.

Schließlich sagt ja der Herr selber, dass Maria die bessere Wahl getroffen hat.

Damit ist doch alles gesagt.

Das wird von den Fleißigen, von denen die anpacken, weil sie einen Blick für die Arbeit haben, manchmal als Schlag ins Gesicht empfunden.

Da machen sie sich Gedanken und packen an, wo`s nötig ist.

Doch unterm Strich wird ihr Einsatz als Aktionismus kritisiert.

Und dann stehen die Fleißigen da und fühlen sich ein bisschen abgewatscht oder zunächst irritiert wie vor zwei Wochen, als wir Jesus im Predigttext sagen hörten:

So sollt auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen war, sagen: Wir sind unnütze Knechte. (Lukas 17,10)

Doch vorab kann ich alle Martha-Menschen unter uns beruhigen.

Es geht hier gar nicht um die Fleißigen in der Gemeinde.

Die sollen auch weiter nach Herzenslust fleißig sein.

Die Aussageabsicht ist kein Entweder-oder.

Entweder arbeiten oder einen kontemplativen Lebensstil pflegen.

Es geht ums Was und Wann.

Das will erklärt sein.

Deshalb zunächst einmal: Mach’s wie Marta: gib dein Bestes,…..

Jesus zieht hinauf nach Jerusalem. Er weiß, was ihm dort bevorsteht.

Auf diesem beschwerlichen Weg kehrt er in das Haus von Marta und Maria ein.

Interessant ist, dass der Evangelist Lukas berichtet: Da war eine Frau namens Martha, die nahm ihn in ihr Haus auf.

Von Anfang an ist Marta die Aktive, die gastfreundliche und fleißige Gastgeberin.

Als Hausherrin weiß sie genau, wie orientalische Gastfreundschaft aussieht und gut tut.

Schnell schlachtet sie ein Huhn, kocht Reis, wäscht den Salat, holt frische Feigen aus dem Garten.

Sie stellt Wasser bereit, zum Trinken und zur Erfrischung.

Sie hat Jesus zu Gast!

Ob Marta weiß, wer dieser Jesus in Wahrheit ist?

Auf jeden Fall scheint sie sehr genau zu wissen, wie man einen Gast zu bewirten hat!

Von Menschen, die wissen, was zu tun ist und mit Hingabe daran gehen, περισπαω können wir viel lernen.

Deshalb: gib ruhig dein Bestes im Beruf, in der Familie, in der Kindererziehung, in der Schule, im Studium oder wo auch immer.

Gib dein Bestes, weil du mit allem, was du tust, deinem Herrn dienen kannst.

Das lässt sich bei Martha prima lernen.

Mach’s wie Marta: gib dein Bestes, doch mach dir nicht selber Not,…..

Martha übertreibt, sie geht mit ihrem Fleiß über das Notwendige hinaus.

Der Evangelist Lukas verwendet an dieser Stelle ein Wort, das nur ein einziges Mal im ganzen NT vorkommt.

„…..machte sich viel zu schaffen…“

Das klingt viel zu harmlos.

Ganz und gar in Anspruch genommen, völlig beschäftigt, stark überlastet sein oder werden.

Das meint dieses Wort, das nur einmal im ganzen NT vorkommt.

Nicht das Umherlaufen kritisiert Jesus.

Sondern, dass sie es übertreibt und die Gelegenheit nicht erkennt, dass sie nicht wahrnimmt, was jetzt dran ist.

Das ist doch die Not vieler Menschen.

Denn das tägliche Einerlei, die immer wiederkehrenden Aufgaben werden zum Selbstläufer, die einen immer höheren Stellenwert einnehmen.

Sie entwickeln eine immer stärkere Eigendynamik, die mir den Blick versperrt und die Ohren verstopft für die Gelegenheiten, die Gott schenken will.

Warum nur geraten wir aber oftmals so in Hektik?

Und das auch noch in bester Absicht.

Die Hektik, in die wir gerne verfallen, kann verschiedene Funktionen haben.

Wir wollen gerne zeigen, was wir drauf haben und vielleicht endlich so anerkannt werden, wie wir es uns schon lange ersehnen.

Hinter mancher Betriebsamkeit steht oftmals ein verletztes Herz, das ein ganz legitimes Bedürfnis hat:

Sieh mich doch endlich mal. Nimm mich doch mal wahr.

Dieser Weg ist leider so erschreckend untauglich.

Denn wer einmal drin ist in der Rolle dessen, der immer verfügbar ist, der sich schon kümmert um den Dreck und Arbeit, der bekommt genau das Gegenteil von dem, was er so ersehnt.

Es ist ja sein Job, es ist ja ihr Job und alle sind daran gewöhnt, dass derjenige so funktioniert.

Nur manchmal platzt es dann raus: Kümmert es dich gar nicht, dass ich alles alleine mache?

Hektik kann der Versuch sein, dem stillen und bedächtigen Gespräch auszuweichen, der Begegnung auszuweichen.

Auch der Begegnung mit Gott.

Manch einer weiß, bewusst oder unbewusst:

Wenn ich einmal stille würde vor Gott, was da nicht alles aus meinem Herzen aufsteigen würde!

Fragen, die ich schon so lange mit mir herumschleppe.

Für die ich mich vielleicht sogar schäme, weil ich denke: die müsste ich doch längst geklärt haben.

Gefühle, Wut, Enttäuschung, Fassungslosigkeit, die so viel Kraft haben, dass sie mir mein ganzes Gottesbild, meine erlernte Rechtgläubigkeit um die Ohren fliegen lassen, wenn ich sie mal zulasse.

Wo sind wir, wo sind sie, wo bist du in diesem Haus der Martha?

Mit Maria bei Jesus oder mit Martha in der Küche.

Doch nicht, weil du so fleißig bist und dein Bestes gibst, sondern weil du endlich mal wahrgenommen werden möchtest, oder weil du Angst hast vor der Stille.

Oder bist du mit Martha in der Anklage: Gott, kümmert es dich nicht.

Martha beschwert sich bei Jesus.

Nicht bei ihrer Schwester, wo ihre Klage doch an der richtigen Adresse wäre.

Das zeigt doch wieder einmal, wie aktuell und lebensnah die Bibel ist.

So machen wir es doch auch oft, dass wir die Konflikte zwischen uns auf eine Ebene verlagern, auf die sie gar nicht gehören.

Wir klagen bei Gott über die anderen und das macht vielen ein bitteres Herz:

Gott tut ja nichts. Ihm ist es ja egal, was andere mit mir machen.

Das offenbart aber eine Haltung, die uns nicht schmeichelt.

Im Grunde hätten wir gerne, dass Gott unsere Probleme löst, unsere Konflikte in Frieden verwandelt und uns die Verantwortung abnimmt, mit dem anderen ins Gespräch zu kommen.

Wie schnell verklären wir selbst solche schwierigen Situationen mit dem fromm klingenden Hinweis:

Gott wird’s schon wieder gut machen.

Vielleicht sagt er uns aber: du sollst es wieder gut machen.

Ich bin dabei, aber du bist gefragt.

Doch Jesus verurteilt Martha nicht.

Er sieht vielmehr ihre Not hinter all der Hektik: du bist besorgt und beunruhigt um vieles.

Eines aber ist Not.

D.h.: Martha, du fleißige und beschäftigte, du hast auch Not.

Wenn die Arbeit, ganz gleich wo: im Beruflichen, in der Familie oder eben auch in der Gemeinde zum Selbstläufer wird, zum Hamsterrad, aus dem du nicht mehr aussteigen kannst.

Dann ist das eine große Not.

Jesus sagt aber: eines ist Not. Eines ist wirklich nötig.

Notwendig, d.h. kann die Not wenden.

An einem besteht wirkliche Not, also Mangel: das fehlt dir, was Maria erkennt und gewählt hat.

Auch Martha ist eingeladen, das Gute zu erwählen.

Mach dir nicht selber Not, sondern mach’s wie Maria: wähl das Gute – das darf dir niemand streitig machen!

Ich kann Martha so gut verstehen und mir vorstellen, wie weh es ihr getan haben muss, dann diese Antwort aus dem Mund Jesu zu hören.

Nicht recht zu bekommen, sondern die Augen für das wirklich Nötige geöffnet zu bekommen und dabei wird Maria, die sie als faul empfindet, von der sie sich im Stich gelassen fühlt vor ihren Augen, die in selbstgerechtem Zorn funkeln, als gutes Beispiel hingestellt.

Das ist hart.

Die zärtlichen Worte Jesu: Martha, du bist besorgt und beunruhigt um vieles, die können da glatt untergehen.

Hier liegt eine Falle, in die Martha-Menschen tappen können: sie sind so verletzt.

Ihr ganzes Engagement sehen sie nicht wahrgenommen, nicht wertgeschätzt.

Und so lecken sie ihre Wunden.

Das sind dann oft die Menschen, die sich enttäuscht von Gott und seiner Gemeinde abwenden und die auch noch nach Jahren so von ihren Verletzungen reden, als wären sie gerade passiert.

Lukas lässt offen, wie Martha auf die Einladung Jesu reagiert hat und damit ergeht die Einladung an uns.

wähl das Gute – das darf dir niemand streitig machen!

...das soll nicht von ihr genommen werden.. ..

Die Zeiten vor Gott stehen unter seinem Schutz.

Sind heilige Zeit, heiliges Land, wie wir es neulich bei Mose hörten: Zieh deine Schuhe aus, das Land, auf dem du stehst ist heiliges Land.

Darum geht’s.

Das sagt Jesus der Martha und allen ihren Nachkommen:

Lass dir doch das Heilige nicht nehmen vom Profanen.

Die Frage ist also, was mein Leben im letzten wirklich bestimmt. Sind es die Aufgaben, die Arbeiten, die ja wirklich wichtig sind.?

Es wäre ja Unsinn, wenn wir sagen:

Was sich da vor uns auftürmt, ist im Grunde doch alles letztrangig.

Nein, ist es nicht.

Die Arbeit, die wir tun, um davon zu leben, die ist doch nicht egal, auch nicht von einer pathetisch hohen Warte aus.

Die Mühe, die eine Mutter in ihre Kinder investiert, die ist doch nicht egal.

Die ist dringend geboten.

Die Gastfreundschaft, die Martha an den Tag legt, die ist nicht letztrangig.

Die ist dringend geboten und hält eine Gesellschaft zusammen. Wer in der Fremde unterwegs war, konnte sich darauf verlassen, dass er irgendwo etwas zu essen bekam und ein trockenes Nachtlager.

Das gab doch auch Frieden und Sicherheit.

Doch es gibt vorrangiges, Heiliges, ohne dass wir die wichtigen Dinge nicht wirklich so tun können, wie sie getan werden sollen und wie es die Menschen verdienen, denen wir begegnen.

Wie viele Arbeiten auch im Reich Gottes können nur mit halbem Herzen getan werden, weil die Herzen einfach nicht zur Ruhe kommen!

Wie viele Menschen haben den Eindruck, auch in gemeindlichen und kirchlichen Arbeiten: Im Grunde geht es doch gar nicht um mich als Mensch.

Ich werde verwaltet, ich werde bepredigt, ich werde beseelsorgt oder „diakonisiert.

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage:

Das erleben die wenigsten Menschen als beglückend.

Das ist Not.

Eines ist Not, sagt Jesus.

Wer nur malocht, ohne bei Jesus innezuhalten, der bekommt nachher etwas sehr Mechanisches.

Er funktioniert nur noch, aber mehr auch nicht und das spürt man. In der Gegenwart solcher Menschen fühlen wir uns nie wirklich wohl, weil wir immer das Gefühl haben: sie oder er ist ja eh wieder auf dem Sprung, ist nicht ganz da und bei mir.

Wie wohltuend ist es aber, wenn wir Menschen begegnen, die ganz bei uns sind, für die wir nicht zu umsorgendes Objekt sind sondern ein Gegenüber.

Das hat Maria erkannt und das hat sie ihrer fleißigen Schwester voraus.

Vor dem Dienst am Nächsten lasse ich mir dienen von dem, der mir der Allernächste geworden ist

Das soll nicht von ihr, von dir genommen werden.

Mit Maria das erwählen, was unserem Sonntag heute seinen Namen gegeben hat:

Sei mir ein starker Fels.

Das haben wir vorhin im Psalm miteinander gebetet.

Bei Jesus sein, d.h. festen Baden bekommen, ganz bei ihm, ganz bei mir sein und bei dem, was ich tue.

Mach’s wie Marta: gib dein Bestes,…..

..aber mach dir nicht selber Not,….

sondern mach’s wie Maria: wähl das Gute – das darf dir niemand streitig machen!

Amen