Datum 12.03.2017
Thema Der gute Hirte
Von Michael Oberländer
Textstelle Psalm 23
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Liebe Gemeinde,

als ich noch ganz frisch im Gemeindedienst war, lernte ich die alt gewordene Lydia kennen.

Eine Frau, die zeit ihres Lebens ihre Gemeinde sehr mitgeprägt hat.

Ihre Kinder hatte sie während des Krieges bekommen.

Der Mann war an der Front und Lydia musste viele schwere Aufgaben alleine bewältigen.

Die Kinder erziehen und ernähren, den großen Haushalt versorgen, den Milchladen irgendwie am Laufen halten, die kleine aber wichtige Landwirtschaft betreiben.

Als ich sie kennen lernte, hat sie mir viel aus ihrem Leben erzählt.

Das waren immer ganz besondere Zeiten und derartige Erzählungen höre ich bis heute sehr gerne.

Wenn alt gewordene Menschen erzählen, dann sollte man zuhören, dann kann man was lernen.

Anfangs konnte sie das noch recht gut, aber schon bald ließen ihre Kräfte deutlich nach.

Dann lag sie da in ihrem Pflegebett, hatte die Augen geschlossen und sagte nur hin und wieder ein Wort.

Für mehr reichte die Kraft nicht.

Ganz anders wurde das, wenn ich das Gesangbuch aufschlug und ihr die ersten Worte eines Liedes vorlas: „Befiehl du deine Wege….“.

Und schon kam der Rest des Liedes ganz flüssig über ihre Lippen.

Oder ich stimmte ein Bibelwort, einen Psalm an und schon sagte sie den Rest auf.

Ohne zu stocken, ohne etwas zu vergessen oder zu verwechseln.

Als wir sie im Dezember 2002 zu Grabe trugen, war nicht nur ihren Kindern schwer ums Herz.

Auch wir anderen, ich auch, spürten, dass wir einen sehr wertvollen Menschen verloren hatten.

Immer, wenn ich den Predigttext für heute höre oder lese, muss ich an Lydia denken.

Es war einer ihrer Lieblingspsalmen – und natürlich konnte sie ihn auswendig.

Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser.

Er erquickt meine Seele. Er führt mich auf rechter Straße wegen seines Namens.

Und wenn ich im finstern Tal wandere, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir übervoll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir mein Leben lang folgen, und ich werde immerdar im Haus des HERRN bleiben

Psalm 23

Dieser Psalm ist wirklich etwas Besonderes unter den 150 Gebeten und Liedern des alten Gottesvolkes.

Von vorne bis hinten ist er ein einziges Bekenntnis.

Keine Bitte wird in ihm geäußert: „Erhöre mich, wenn ich rufe“. (Psalm 4,1)

Keine Frage wird in ihm gestellt: „Herr, warum bist du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not“? (Psalm 10,1)

Keine bange Hoffnung wird ausgesprochen: „Ach, dass doch die Hilfe aus Zion über Israel käme“? (Psalm 14,7)

Lauter Aussagesätze sind’s: Der Herr ist, er weidet mich, er führt mich, du bist bei mir, du bereitest für mich, du salbst mein Haupt mit Öl…………..

Es ist ganz entscheidend, wer solche Sätze sagt.

Ich höre ja gerne den Evangeliums-Rundfunk.

Bei manchen Liedern beschleicht mich ein komisches Gefühl.

Sie klingen manchmal zu schön um wahr zu sein.

Dabei ist doch im Leben vieles zu wahr, um schön zu sein.

Mir kommt es manchmal so vor.

Ich will niemand Unrecht tun, aber es stimmt doch:

Wir spüren vielen Aussagen ab, ob sie frommer Wunschtraum oder hart errungene Gewissheit sind.

Das war bei der alten Lydia so, das war auch bei König David so, dem wir diesen Psalm verdanken.

Es hat uns doch viel mehr zu sagen, wenn wir merken: da steckt was dahinter.

„Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott, so erklärt Martin Luther in seinem Großen Katechismus das erste der zehn Gebote.

David, der Hirtenkönig würde es wohl ähnlich sagen: wem du dich anvertraust, das ist dein Herr und Hirte.

Wer oder was deinem Herzen wirklich Halt gibt, das ist dein Herr und Hirte.

Dass wortreiche Bekenntnisse und innere Wirklichkeit zusammenkommen – darum geht es.

Belauschen wir David bei seinem Bekenntnis ein wenig, damit wir nachher auch mit einstimmen können.

Der HERR, so beginnt der erste Vers.

In vielen Bibeln ist Herr in Großbuchstaben geschrieben.

Immer, wenn dies in Großbuchstaben geschrieben steht, dann steht dort in der hebräischen Bibel kein Titel, sondern ein Name: Jahwe.

„Der HERR ist der rechte Kriegsmann, HERR ist sein Name“. (2. Mose 15,3)

Könnten wir doch einmal alles vergessen, was uns einfällt, wenn wir das hören: Herr.

Oder auch, was uns nicht einfällt, weil es uns so alltäglich geworden ist, Herr zu sagen.

Dann könnten wir bei David lernen, was das eigentlich heißt.

Dieser Gottesname, Jahwe, mit dem sich Gott dem Mose vorgestellt hat, ist den gläubigen Juden so heilig, dass sie ihn nicht auszusprechen wagen.

Sie bezeichnen ihn als Ha-Schem Ha-Mephorasch, den besonderen, den abgesonderten Namen.

Dieser Name ist so ewig, wie es Gott selbst ist.

Alle anderen Gottesnamen, Elohim, El Schadai usw. sind in dieser Welt entstanden.

Sind Ausdruck von Gotteserfahrung.

Herr Zebaoth, d.h. Herr der Heerscharen.

Da wird Gott als der starke Gott bekannt, weil er so erfahren wurde.

El Schaddai, das ist der allmächtige Gott, weil Gottes Allmacht erfahren wurde in menschlicher Ohnmacht.

Aber nicht dieser Name: Jahwe.

Da hat kein Mensch mitgedacht.

Der ist ewig und unerschaffen, wie Gott selbst es ist.

Ungeheuer schillernd: Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin für euch da.

Gott macht sich bekannt als Person, weil er kein ES ist, kein blindes Schicksal, keine anonyme Größe, keine unpersönliche Macht.

Nicht die Ahnung, dass da noch was Größeres ist.

Wenn wir also sagen Herr, wenn wir beten für uns oder für andere, dann sprechen wir auch ein großes Geheimnis und eine ungeheuer große Wahrheit aus.

Dieser ewige, persönliche Gott, sagt David, ist mein Hirte.

Der Anfang und Ende ist, dessen Kraft nie nachlässt, dessen Liebe unerschöpflich ist.

David sagt das nicht vom grünen Tisch aus.

Das ist entscheidend und macht seine Worte glaubwürdig.

In seinem Leben hat er erfahren: dieser Ewige steht zu mir.

Der hat mich halbe Portion ausgesucht, obwohl meine Brüder doch so eine sehr viel bessere Figur gemacht haben.

Der ist ein Hirte, der sich nicht beleidigt zurückzieht, wenn ich ihm aus der Spur laufe.

Der ist ein Hirte, dem nicht das Wetter zu schaffen macht, sondern der das Wetter schafft.

Der ist MEIN Hirte, sagt David.

Das persönliche Bekenntnis zu Gott.

Mein: Dieses kurze Wort ist entscheidend.

Es geht mit Psalm 23 um den persönlichen Glauben, es geht um mich und um meinen Glauben, nicht um das Man, nicht um das Wir, nicht um das Alle, sondern um das Ich.

Manchmal bekomme ich zu hören:

Ich glaube ja auch, dass es eine höhere Macht gibt.

Ich glaube ja auch, dass da noch was ist.

Eine Nachbarin hat mir das neulich abends bei der Hunderunde so gesagt:

Mit Kirche hab ich nix am Hut, aber ich glaube ja auch, dass es eine höhere Macht gibt.

Schön!

Aber das nutzt Dir gar nichts, wenn Du glaubst, dass es eine höhere Macht gibt.

Ich glaube auch, dass im Keller der Bundesbank viel Gold liegt.

Ich glaube auch, dass Bayern München eine erfolgreiche Fußballmannschaft hat

Solange ich nicht persönlich damit etwas zu tun habe, bringt mir dieser Glaube rein gar nichts

An wen glaube ich? An wen glaubst Du? Wer oder was ist der Inhalt meines Glaubens?

David konnte es sagen.

Können wir sagen, was unseren Glauben aussagt und bestimmt?

Diesen Gott bekennt David als seinen Herrn und die andere Seite des Bekenntnisses: dieses Bekenntnis ist gleichzeitig die Absage an alle anderen Götter und Herren.

Wer sagt: Der Herr ist mein Hirte, der kann nicht gleichzeitig sagen:

Diese anderen Hirten haben schlichtweg keinen Anspruch mehr.

Also, gib ihnen auch keinen!

Lange vor Jesus wurde der Glaube so persönlich zugespitzt: Glaube war immer zuerst persönlicher Glaube.

In den Psalmen drücken Menschen aus, wie sie persönlich geglaubt haben.

Und das setzt sich im NT fort, deshalb so viele Begegnungen Jesu mit einzelnen Leuten, weil es um den persönlichen Glauben ging.

Glaube ist persönlich und will bekannt werden.

Das macht es nicht einfacher, über einen solchen Psalm nachzudenken.

Wenn es ein persönliches Bekenntnis ist, wenn hier ein Mensch seinen Glauben und seine Gotteserfahrung schildert, dann können wir doch nicht darüber schöne theoretische Gedanken hegen, die uns ganz nett erbauen.

Wenn wir zwei Menschen sehen, die sich lieben oder eng befreundet sind.

Dann stellen wir darüber ja auch keine theoretischen Betrachtungen an.

Ah, ja, da scheint gerade Liebe oder Freundschaft im Herzen sich zu regen und deshalb nehmen die sich jetzt also in den Arm.

Aha, da gibt’s also Zusammenhänge.

Nein, wenn wir erfahren: es gibt Liebe und Freundschaft, dann wollen wir das doch auch erleben.

Das ist genauso, als wenn wir über Freude philosophieren.

Solange wir keine Freude erleben, können wir auch nur sehr unbeholfen darüber sprechen.

Es geht nicht um fromme Erbauung, es geht um praktische Erfahrung.

David schildert sie so:

„……mir wird nichts mangeln“

Ist das nicht unwirklich und ein Widerspruch zu der Welt, in der wir leben?

„…mir wird nichts mangeln“, wer kann das denn nachsprechen?

Wir erleben doch auch ganz anderes.

Da gehen Menschen, die wir lieben ganz schwierige Wege und es sieht nicht danach aus, als kämen sie wieder zurück.

Da schleicht sich die Depression in die Seele und es mangelt gewaltig an Lebensfreude, Antrieb, Zuversicht und Hoffnung.

Psalm 23 ist keine Utopie, in der die dunklen Seiten unseres Lebens verheimlicht oder vertuscht werden.

David hat in seinem Leben Unheil und Mangel erlebt.

König Saul, sein Vorgänger, wollte ihn beseitigen. (vgl. 1. Samuel 18,8-10).

Vor Absalom, seinem eigenen Sohn, musste er fliehen, weil der ihm ans Leben wollte. (vgl. 2. Samuel 15 – 18)

Dieser Hirtenpsalm ist wohl auch in schwierigen Zeiten entstanden.

David kennt die finsteren Schluchten, die das Leben schwer machen.

Die Wirklichkeit des Lebens wird nicht geleugnet.

Grüne Auen und dunkle Täler liegen oft erschreckend nahe beieinander.

Trotzdem: …mir wird nichts mangeln“.

Dahinter steht eine tiefe Weisheit.

David vergisst nicht, was Gott ihm Gutes getan hat (vgl. Psalm 103,5)

Dankbarkeit und Gedächtnistraining sind wichtig, wenn Krisen auszuhalten und zu überwinden sind.

Das habe ich bei der alt gewordenen Lydia lernen können.

Von klein auf, buchstäblich von Geburt an, war sie kränklich und ihre Eltern mussten mehr als einmal um ihr Leben bangen.

Mit ihrer angeschlagenen Gesundheit musste sie als Mutter Kriegs- und Nachkriegszeit meistern.

Woran sie sich aber vor allem erinnerte, das war die Hilfe Gottes.

Vor allem in schweren Zeiten ist es sehr herausfordernd, sich nicht von dem Negativen und Schweren gefangen nehmen zu lassen.

Dann können wir bei David lernen, wohin wir unseren Blick richten können.

Das Bekenntnis „….mir wird nichts mangeln“ schafft eine neue Realität.

Menschen, die es schwer haben, aber sich zu diesem Bekenntnis durchringen, bekommen Ruhe und Kraft.

Auch, wenn um mich herum alles anders aussieht, spreche ich Gott mein Vertrauen aus, dass mir nichts mangelt.

Das gibt Ruhe, Kraft und Zuversicht.

Auch, wenn sich die Situation nicht unbedingt ändert; der Blick ändert sich.

Ich bin überzeugt und weiß aus eigener Erfahrung: was mich stresst, was mir Sorgen macht, ist nicht in erster Linie das, was ich erlebe.

Was mich mitnimmt ist vielmehr die Art WIE ich etwas erlebe.

Welchen Stellenwert ich dem in meinem Denken, Fühlen und Handeln einräume.

Was beschäftigt uns mehr?

Die Schwierigkeiten, die kleinen und großen Probleme des Alltags, oder doch der Herr, der sich als Hirte um seine Leute kümmert?

Von ihm bekennt David: Er weidet mich: Ruhe für Körper und Geist: Weide und Wasser

Er lässt mich lagern, so heißt es hier wörtlich.

Hin und wieder sieht man ja noch Schafherden.

Im Odenwald konnten wir sie manchmal sehen.

Da stand der Hirte oder saß und die Schafe hatten die Köpfe unten und grasten in aller Seelenruhe.

Ein friedevolles und schönes Bild.

Da möchte man fast sagen: so gut hätte ich es auch gerne einmal.

Ganz versunken einfach nur da sein.

Ganz ruhig und geborgen, weil da einer ist, der mich im Blick hat.

Der das große Ganze übersieht, so dass ich in meinem kleinen Umkreis ganz ruhig sein kann.

Wie sehr uns das doch oftmals abgeht.

David, ein vielbeschäftigter König, Liederdichter konnte es sagen.

Er wusste wohl um das Geheimnis gegen Burnout und Erschöpfung.

Er schenkt mir das, wo es mir gut geht.

Wo ist die grüne Weide meines Lebens?

Gibt es sie überhaupt oder muss ich erst noch dorthin geführt werden?

Wie oft hat mich Gott schon lagern lassen?

Was hat mir Gott alles geschenkt?

ER weidet mich.

Die Wohltat für den Geist: Er führt mich zum frischen Wasser: Wörtlich: das Wasser der Ruhe.

Da geht es um das geistliche Leben, das geistliche Nahrung.

Auch dafür sorgt der gute Hirte.

Der Sonntag, der Gottesdienst, das gemeinsame Bibellesen.

Er erquickt meine Seele.

Wörtlich heißt es da: Er lässt meine Seele zurückkommen.

Da sage noch mal einer, die Bibel wäre altbacken und unmodern.

Schon David wusste, vor dreitausend Jahren, wir können außer uns sein.

Wir können so durchs Leben rennen, das tägliche Einerlei kann uns so in Beschlag nehmen, dass unsere Seele ganz woanders herumläuft als der Körper.

Doch das ist kein unausweichliches Schicksal, das uns trifft.

Der Herr, den David bekennt, ist auch unser Hirte.

Er stellt sich zu unserem Bekenntnis: Mir wird nichts mangeln.

Er steht zu seinem Hirtenamt und gibt, was Körper und Geist brauchen: Weide und Wasser der Ruhe.

In Jesus spricht er dazu sein Amen !