Auf ein Wort

Leitartikel aus unserem Gemeindebrief Mai/Juni 2022

von Jonathan van Veldhuizen


Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod.
Hoheslied 8,6 (L)


LegemichwieeinSiegel
Sie betreten denselben Raum und es passiert sofort: Entweder sie verlieben sich unsterblich mit dem ersten Blick oder sie fangen an, zu streiten, um sich später zu verlieben. Schaut man den Film eine halbe Stunde weiter, sind sie bereit, alles aufzugeben für die Liebe ihres Lebens. Im Kopf gehe ich dann meist die Szenen durch, die zu dieser unsterblichen Liebe geführt haben: zwei bis drei Begegnungen, in denen sie nicht geredet, sondern sich nur gegenseitig mit den Augen aufgefressen haben, ein oder zwei kurze Wortwechsel, ein Kuss, eine Liebesnacht und schon wissen sie, dass sie nicht mehr ohne die andere Person leben können.

In zwei Stunden Film hat man natürlich nicht die Zeit, um eine vierjährige Beziehung zu zeigen. Für die Dramatik wird alles übertrieben. Trotzdem ist es doch interessant, dass diese Klischees immer noch so häufig in Filmen vorkommen. Das Thema „Liebe“ findet man insgesamt noch häufiger – und da möchte man gar nicht anfangen bei den vielen Büchern, Sendungen, Shows und anderen Medien, die sich um dieses Thema drehen. Liebe hat die Menschheit schon immer fasziniert. Was ist das für eine Kraft, die zwei Menschen so stark miteinander verbinden kann?

Auch unsere Bibel scheut vor diesem Thema nicht zurück. Im Hohelied der Liebe heißt es:

„Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,

wie ein Siegel auf deinen Arm!

Denn Liebe ist stark wie der Tod.“

(Hohelied 8,6)

Das Hohelied – das Buch der Bibel, das allen bekannt ist, aber über das man so gut wie nie eine Predigt hört. Während es von Rabbis und Pastoren eindeutig als „geistliches Bild für die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk“ gesehen wird, muss der Leser eindeutig feststellen, dass es in erster Linie etwas anderes ist: eine leidenschaftliche Liebesgeschichte. Mit verblümten Ausdrücken flirten die beiden Liebenden miteinander und vergleichen sich mit Lebensmitteln, Tieren und Gebäuden. Unsterblich haben die beiden sich verliebt und wollen nicht mehr ohne einander leben.

Im Kapitel 8 nähern wir uns dem Ende des kurzen Buches und damit auch dem Höhepunkt in diesem Vers.

Die Frau sagt hier zu dem Mann, dass sie sich wünscht, wie sein Siegel zu sein. Bis vor ein paar hundert Jahren wurden diese Siegel in großen Teilen der Welt benutzt, um die Echtheit von Briefen, Büchern oder Dokumenten nachzuweisen. Ein Siegel bezeugte die Autorität des Eigentümers und war oft das Symbol königlicher Macht.

Es gab zwei Arten von Siegeln: In Mesopotamien war die älteste Form gebräuchlich, nämlich Siegel, die an einer Kordel um den Hals getragen wurden. Damit hingen sie sozusagen direkt über dem Herz. Anderthalb tausend Jahre später erfand man in Ägypten die Siegelringe, die man am Finger, also „auf dem Arm“ trug. Im alten Israel, das direkt zwischen diesen beiden Kulturen lag, kannte man beides. Es ist nur natürlich, dass man diese wichtigen Gegenstände nahe bei sich trug. Verlor man sie, hatte man sämtliche Autorität und Macht verloren. Diebe konnten diese Macht missbrauchen und Chaos anrichten. So nah, wie man diese Siegel trug, wollten sich auch die Liebenden sein - im Herzen, und damit mit Verstand und Willen, sowie in der Hand, also mit Taten.

Was für eine Kraft, die zwei Menschen so eng aneinanderketten kann! Absolut nichts kann diese Verbindung trennen, außer der Tod. Nichts im Universum kann der Kraft der Liebe ebenbürtig werden außer der Tod. Während die Liebe die ultimative Beziehung ist, ist der Tod der ultimative Verlust von Beziehung. Laut der Offenbarung überdauert der Tod sogar den Antichrist und den Teufel (Offb. 19,17-20,10). Paulus sagt, der letzte Feind, der vernichtet werden muss, ist der Tod (1. Kor. 15,26).

Eine so mächtige Kraft ist aber auch gefährlich. „ … hart wie das Totenreich ist die Leidenschaft.“ So geht der Vers weiter. Enttäuschte Liebe, Verrat von Liebenden, Verlust oder Bedrohung des/der Geliebten sind schnell Auslöser für Hass, Wut oder Verzweiflung. Wie häufig hat blinde Liebe Zerstörung angerichtet, weil man nichts anderes mehr sah? Wie schnell hat Neid das Leben von Menschen vernichtet? Wie häufig wurden Menschen von ihren Geliebten betrogen? Wie viel Leid hat die Liebe auch angerichtet? „ … ihre Gluten sind Feuergluten!“ Das sollten wir nie vergessen!

Die letzten beiden Wörter des Verses sprengen aber alles noch, was das Hohelied über die Liebe gesagt hat. Es ist „eine Flamme des HERRN“. Dies ist das einzige Mal, dass im Hohelied Gottes Namen erwähnt wird, ja Gott überhaupt erwähnt wird! In der Liebe steckt eine göttliche Flamme! Das ist mit auch ein Grund, wieso Menschen so fasziniert davon sind – in der Liebe kann man etwas von Gott erkennen. Weil wir die Verbindung zu Gott verloren haben, weil diese Beziehung gestorben ist, suchen wir das Element, was Gott am nächsten ist: die Liebe.

Gott ist die Liebe (1. Johannes 4,8). Gottes Liebe ist die reinste, heiligste Form der Liebe! Seine Liebe ist leidenschaftlich und wie ein verzehrendes Feuer! Er hat selber ihre zerstörerische Kraft erlebt. Er wurde von uns Menschen betrogen, verraten, enttäuscht. Wir haben die Beziehung, die Liebe, die uns mit ihm verbunden hat, getötet. Die einzige Macht, die stark genug war, uns von ihm zu trennen: der Tod.

Aber trotz seiner Stärke, seiner Macht, war der Tod nicht in der Lage, Gottes feurige Liebe aufzuhalten. Auf Golgatha wurde ein für alle Mal entschieden, welche Macht die Stärkere war. Eine Liebe, die sogar der Tod nicht aufhalten konnte. Eine Liebe, die ihr Leben für seine Freunde gab.

Jetzt bittet Gott uns: Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm!

Trage meine Liebe, meine Autorität, meine königliche Macht, nahe bei dir, in deinem Willen, in deinen Taten!

Liebe mich mit deinem ganzen Herz, deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft! (5. Mose 6,5)

Lassen wir uns von diesem Feuer anstecken?

Denn einzig und allein unser freier Wille kann diese Liebe noch abweisen. Bei allen anderen Sachen bin ich überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Röm. 8,38-39)

Amen.